WGT

Heute Abend geht das 33. Wave-Gotik-Treffen zu Ende. Vier Tage Leipzig, über zwanzigtausend Menschen in Schwarz, hunderte Bands auf mehr als fünfzig Bühnen, und ein Gefühl, das sich nicht in Worte fassen lässt, wenn man es einmal erlebt hat. Für viele von uns ist das WGT kein Festival. Es ist Heimkommen.

Wer sich noch nicht so gut in der Geschichte des Treffens auskennt oder einfach mal nachlesen möchte, wie das alles begann, warum Leipzig und warum es so geblieben ist wie es ist, der ist hier richtig.


Bevor es das WGT gab: Grufties in der DDR

Die Geschichte des Wave-Gotik-Treffens begann bereits vor 1990 mit lose verabredeten Treffen und Privatpartys der in der DDR überwiegend „Grufties“ genannten Darkwave und Gothic Fans. Als Initial-Event wird in mehreren Quellen ein derartiges Fan-Treffen in Potsdam zur Walpurgisnacht Anfang Mai 1988 genannt. Lunchboxrecords

Unter dem strengen DDR-Regime waren solche Veranstaltungen stark reglementiert. Die Behörden sahen sie als potenzielle Orte für Dissens, was Organisatoren dazu zwang, die Treffen auf eine Handvoll Teilnehmer zu beschränken, um rechtlichen Konsequenzen und der Überwachung durch die Stasi zu entgehen. Diese klandestinen Zusammenkünfte repräsentierten einen der frühesten Versuche, eine subkulturelle Gemeinschaft in Ostdeutschland aufzubauen, wo der Zugang zu westlicher Alternativmusik begrenzt war und Untergrundszenen im Verborgenen operierten. Wikipedia

Der Mauerfall 1989 änderte alles. Plötzlich war möglich, was vorher undenkbar gewesen war.


1992: Der Eiskeller, acht Bands und zweitausend Grufties

1990 gründete Michael Brunner gemeinsam mit Sandro Standhaft die Agentur „Moonchild“ für die Veranstaltung entsprechender Diskotheken und Partys, zunächst im soziokulturellen Zentrum „Die Villa“. Bereits am 19. Oktober 1991 fand im berühmten Connewitzer „Eiskeller“ unter dem Namen „Moonchild-Festival“ eine Art Mini-Premiere des späteren WGT mit der Leipziger Band Age of Heaven und The Invincible Spirit statt. Als offizielles Gründungsdatum gilt aber der 29. und 30. Mai 1992, als erstmals unter dem Titel Wave-Gothic-Treffen acht Bands an zwei Tagen im Eiskeller auftraten.

Michael W. Brunner und Freunde buchten als Veranstalterprojekt „Moonchild“ für zwei Tage je vier Bands, die im alternativen Jugendzentrum „Eiskeller“ für acht D-Mark pro Tag auftraten. Das Line-up des ersten Tages: Das Ich, Ghosting, Age of Heaven, Love Like Blood. Tag zwei: Goethes Erben, Sweet William, Templar, The Eternal Afflict.

Der Einladung zu dem Festival der anderen Art in Leipzig folgten etwa 2.000 Besucher, und der Jugendclub „Eiskeller“ im Stadtteil Connewitz verwandelte sich mitsamt der angrenzenden Parkanlage in ein schwarzes Camp. Im Saal die Bands, draußen Lagerfeuer, Wein und Met aus Tonbechern. Niemand ahnte, was daraus werden würde.

Dass dem Ordnungsamt gegenüber nur 800 Besucher gemeldet wurden, denn für mehr war das Haus zugelassen, war damals eine Notlösung: Es waren tatsächlich etwa 2.000 Menschen da. The MetalList


Von der Undergrundparty zum Weltfestival

In den Folgejahren wuchs das WGT rasant. Mehr Venues, mehr Bands, mehr Menschen aus immer weiteren Teilen der Welt. Michael W. Brunner hatte die künstlerische Leitung des Festivals von 1992 bis 1998 inne.

Die Besonderheit bestand von Anfang an darin, dass sich das Treffen nicht auf einer Wiese mit Zeltplatz, sondern mitten in der Stadt abspielte. Das machte es zu etwas anderem als alle anderen Festivals, keine grüne Wiese, kein Schlamm und Bierzelt, sondern Leipzig als Bühne, als Kulisse, als Lebensraum für vier Tage.

Das erste WGT fand 1992 im Eiskeller statt und zählte gerade einmal 2.000 Besucher. Seitdem verwandelt es jährlich zu Pfingsten die Stadt Leipzig zum Mittelpunkt der Schwarzen Szene.

Das Jahr 2000 wurde zum Wendepunkt, aber nicht nur im positiven Sinne. Das größte WGT aller Zeiten fand im Jahr 2000 mit über 300 Acts und geschätzten 25.000 Besuchern statt. Allerdings erlitt jenes Festival am dritten Tag einen finanziellen Kollaps und musste abgebrochen werden. Nachdem alle Festivalwächter, die meisten Bands und ein Großteil des technischen Personals abgezogen waren, organisierten freiwillige Helfer und mehrere Bands, die umsonst spielten, ein abschließendes Konzert. Eine Geschichte, die seither zur Legende gehört.

2016 erzielte das WGT mit 23.000 Besuchern einen neuen Rekord. Heute sind es regelmäßig über zwanzigtausend Besucher aus aller Welt.


Was das WGT von jedem anderen Festival unterscheidet

Das WGT ist kein Festival im klassischen Sinne. Es nennt sich selbst „Treffen“, und dieser Unterschied ist kein semantischer, er ist fundamental.

„Treffen“ bedeutet Begegnung. Vielleicht glauben Erstbesucher, es sei ein Festival. Spätestens beim dritten Mal sehen sie den Unterschied. Und dann teilen sie diese Ansicht.

Kein einziger Headliner dominiert das Bild. Kein kommerzielles Sponsoring bestimmt die Atmosphäre. Die Bühnen sind über die ganze Stadt verteilt, vom Agra-Messegelände über die Moritzbastei, die Werk II, den Felsenkeller bis zur Krypta des Völkerschlachtdenkmals. Wer eine Bändchen hat, bewegt sich vier Tage lang durch Leipzig wie durch ein einziges, atmendes, schwarzes Universum.

Das Publikum umfasst das komplette Spektrum der Schwarzen Szene, von Goths über Elektro und Neofolk-Anhänger bis zu BDSM und Fetisch-Anhängern, Steampunk-Enthusiasten und Menschen, die einfach das Gefühl suchen, irgendwo dazuzugehören.


Die Highlights, die das WGT unsterblich machen

Das Viktorianische Picknick

Das Viktorianische Picknick am Freitagnachmittag im Clara-Zetkin-Park hat bereits Kultstatus erreicht: Hunderte treffen sich in fantasievollen Kostümen im viktorianischen, Steampunk oder Dark Romantic-Look zu einem stilvollen Nachmittagspicknick der besonderen Art. Tausende Besucher in aufwendig gestalteten Outfits, Ballroben und Sonnenschirmen, mit Live-Streichquartett im Hintergrund. Der Eintritt ist frei. Es ist das schönste und friedlichste Bild, das die Schwarze Szene der Welt zeigen kann.

Das Heidnische Dorf

Das Heidnische Dorf auf dem Torhaus Dölitz ist die größte Mittelalterstadt während des Festivals, mit über hundert Händlern, Schmieden, Gauklern und Lagerleben. Der Eintritt ist für WGT-Besucher kostenlos. Mittelalter und Gothic treffen sich hier auf eine Weise, die anderswo seltsam wirken würde. Hier ist es selbstverständlich.

Der Markt auf dem Agra-Gelände

Das WGT beherbergt einen der größten Märkte für Gothic und Dark Culture-Gemeinschaft weltweit, der während der gesamten Festivalzeit läuft. Maßgefertigte Vampirzähne, schwere Boots oder kunstvolle Korsetts, alles findet sich hier.

Oper, Klassik und Friedhofsführungen

Was viele nicht wissen: Das WGT ist längst mehr als Konzerte. Eine begrenzte Anzahl kostenloser Tickets ist auch für Opernaufführungen, klassische Konzerte, Theater und Ballett erhältlich. Dazu kommen Lesungen, Gespräche im Budde Haus, Kunstausstellungen in den Promenaden des Hauptbahnhofs, Friedhofsführungen mit der „Schwarzen Witwe“ über den Südfriedhof und sogar Veranstaltungen für Kinder und Familien.


Das WGT 2026 – das 33. Treffen

Das 33. Wave-Gotik-Treffen 2026 findet vom 22. bis 25. Mai 2026 in Leipzig statt.

Headliner sind Covenant, DAF und Einstürzende Neubauten. Darüber hinaus sind Clan of Xymox, Das Ich, Frontline Assembly, Kim Wilde, Lacrimosa, Moonspell, Suicide Commando und viele mehr gebucht. Dazu kommen Diorama, Solar Fake, She Past Away, Aesthetic Perfection, Nachtmahr, Tyske Ludder, Solitary Experiments, 45 Grave, Golden Apes und viele weitere, die das komplette Spektrum der Schwarzen Szene abdecken.

Das WGT 2026 verteilt sich über mehr als fünfzig Spielstätten in Leipzig, von der Agra über die Moritzbastei bis zum Felsenkeller und der Werk II. Stilrichtungen reichen von Gothic-Rock über EBM, Industrial, Neofolk, Mittelalterrock und Darkwave bis zu klassischer Musik und Synth-Pop.

Und heute Abend endet es wieder. Bis nächstes Jahr.


Warst du dabei? Schreibt es in die Kommentare. Welche Momente habt ihr dieses Jahr mitgenommen? 🖤

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