Draconian – In Somnolent Ruin

Sechs Jahre Stille. Neun Tracks. Eine Rückkehr, auf die die Szene seit Jahren gewartet hat.

„In Somnolent Ruin“ ist das achte Studioalbum von Draconian – und es ist genau das, was es sein muss: kein sicheres Comeback-Album, kein Abnicken alter Stärken, sondern ein Werk, das tiefer geht als alles, was die Schweden bisher gewagt haben. Gothic Doom in seiner reinsten, schmerzhaftesten, schönsten Form.


Aus der Dunkelheit geboren – die Geschichte von Draconian

Seit Mitte der 1990er Jahre aktiv und mit ihrem Debütalbum „Where Lovers Mourn“ im Jahr 2003, haben Draconian kontinuierlich ihre unvergleichliche Fähigkeit unter Beweis gestellt, jenseitige Doom-Melodien mit sengend schwerer Instrumentalisierung zu verbinden. Poetische Texte. Atmosphärische Tiefe. Ein Sound, der nicht unterhält, sondern aufreibt – und genau deshalb so unvergesslich bleibt.

Das Album wurde von Gitarrist Johan Ericson geschrieben, aufgenommen und arrangiert, aus Material, das bis ins Jahr 2021 zurückreicht – als der Track „Misanthrope River“ erstmals Gestalt annahm, unter einem alten Arbeitstitel aus den Sessions zu „Under a Godless Veil“. Was damals eine erste Skizze war, ist heute das Herzstück eines Albums, das die Bandgeschichte neu definiert.


Das Comeback, das die Szene verdient hat

Mit „Under a Godless Veil“ veröffentlichten Draconian 2020 ihr bisher erfolgreichstes Album. Seitdem hat sich viel verändert. Die entscheidende Nachricht: Lisa Johansson ist zurück.

Johansson war Sängerin auf den ersten fünf Alben der Band, bevor sie Draconian 2011 aus persönlichen Gründen verließ. „In Somnolent Ruin“ markiert ihr offizielles Comeback, nachdem sie in den letzten Jahren bereits mehrere Festivalauftritte absolviert hatte. Wer diese Stimme kennt – diese Fragilität, diese Stärke, dieses Schwebegefühl zwischen Trost und Abgrund – weiß, was das bedeutet.

Die neue Besetzung umfasst außerdem Daniel Arvidsson am Bass, der 2022 von der Rhythmusgitarre wechselte, sowie Gitarrist Niklas Nord (Myteri, DeathTrap, The Random Victims). Drummer Daniel Johansson (ex-Wormwood), der seit Jahren als Session- und Live-Musiker mit der Band arbeitet, wurde 2025 nach dem Ausscheiden von Jerry Torstennson als festes Mitglied aufgenommen. Eine Besetzung, die erstmals als eingeschworene Live-Einheit ins Studio gegangen ist – und man hört es.


Platos Seele, in Doom gegossen

Das Konzept von „In Somnolent Ruin“ ist kein aufgesetztes Konstrukt, sondern etwas, das aus dem Material heraus gewachsen ist. Als roter Faden zieht sich Platos Seelenlehre durch alle neun Tracks – ein Motiv, das sich nicht von Anfang an geplant war, sondern sich organisch während der Entstehung des Albums herausgebildet hat.

Anders Jacobssons Texte lesen sich wie ein philosophisches Tagebuch: Entfremdung, die Suche nach Anker in gefühlter Leere, das Wandern durch die dunkelsten Schatten – und die kathartische Erleichterung, die am Ende wartet. Finsternis als Durchgangsstadium, nicht als Ziel.


Track für Track durch die Ruine

Der Eröffnungstrack „I Welcome Thy Arrow“ fesselt sofort: eindringliche Melodien, ein Wechselspiel aus zerbrechlichem und kraftvollem Gesang – ein Versprechen, das das Album einlöst.

„The Monochrome Blade“ und „The Face of God“ steigern das Tempo, bringen eruptive Dynamik in ein ansonsten kontemplatives Werk.

„Anima“ – geschrieben um ein Gedicht von Anders Jacobsson aus dem Jahr 2019 – erkundet die jungianische Dualität und die Auseinandersetzung mit der eigenen Dunkelheit. Gastvokalist Daniel Änghede tauscht Zeilen mit Lisa Johansson aus, in einer gotischen Doom-Meditation über innere Widersprüche.

„Asteria Beneath the Tranquil Sea“ fungiert als Interlude – ein ruhiger Atemzug zwischen „I Gave You Wings“ und dem folgenden „Cold Heavens“, das die fragile Balance zwischen Leben und Tod thematisiert und gleichzeitig die intensivste Gesangsperformance des Albums liefert.

„Misanthrope River“ – ein Track, dessen Titel bereits seit den Demo-Tagen von „Under a Godless Veil“ existierte, nun endlich mit Musik hinterlegt – beginnt mit einem ausgedehnten instrumentalen Part und einer Erzählung von Simon Bibby. Das Tempo verlangsamt sich, die emotionale Wucht bleibt. SIDE-LINE

Den Abschluss bildet „Lethe“ – benannt nach dem Fluss des Vergessens aus der griechischen Mythologie. Wer aus ihm trank, verlor alle Erinnerung. Mit den Worten „Oh, shooting star… Drown in me! Drink. Forget. Repeat.“ lässt Jacobsson durch teuflische Growls eine dunkle Reflexion erklingen. Ein Ende, das kein Ende sein will.


Tracklist

  1. I Welcome Thy Arrow
  2. The Monochrome Blade
  3. Anima (feat. Daniel Änghede)
  4. The Face of God
  5. I Gave You Wings
  6. Asteria Beneath the Tranquil Sea
  7. Cold Heavens
  8. Misanthrope River
  9. Lethe

Fazit: „In Somnolent Ruin“ ist ein Album, das man nicht vergessen möchte – nicht für einen einzigen Augenblick. Draconian haben mit Lisa Johanssons Rückkehr, einer philosophischen Tiefe und einem Sound, der atmet und drückt und befreit, ein Werk geschaffen, das noch lange über dem Genre hängen wird wie ein schwerer, schöner Nebel.

Wertung: 10/10 🖤

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