Post Mortem
Acht Jahre. Kein Album. Keine großen Ankündigungen. Nur Stille.
Und dann, heute, das hier.
Nino Sable kehrt mit Melanculia zurück, und er tut es nicht halbherzig. „Post Mortem“ ist 14 Tracks und 61 Minuten lang, ein vollständig in Eigenregie entstandenes Werk, das persönlicher kaum sein könnte, und das dennoch etwas berührt, das weit über den Einzelnen hinausgeht.
Melanculia ist ein Indie, Alternative-Projekt von Nino Sable, geboren Ende der 1990er Jahre aus einer Kindheit, die sich zwischen Portugals sonnendurchfluteter Nordküste und dem industriellen Ruhrgebiet aufgeteilt hat.
Der Umzug von Sonne und Wellen in Póvoa de Varzim in die graue Kälte von Dorsten hat tiefe Spuren hinterlassen. Melanculia wurde zur Tonspur für diesen Verlust, ein melancholischer Trost für alle, die sich je entwurzelt gefühlt haben.
Nino Sable ist Musiker, Sänger, Songwriter, Komponist und Produzent aus Essen. Am bekanntesten ist er als Frontmann der Gothicrock-Formation Aeon Sable, daneben unterhält er Projekte wie Deied, Echoes in Reverse und UNWISHED. Melanculia aber ist das Älteste, das Verwundbarste. Das Projekt, in dem er niemandem etwas beweisen muss.
1999 startete er Melanculia als erstes Soloprojekt. Nach einer gemeinsamen Phase mit Mitstreiter Din-Tah wurde das Projekt lange ruhend gestellt, bevor es 2017 neu erwacht ist, und jetzt mit „Post Mortem“ seinen bisher ehrlichsten Ausdruck findet.
„Post Mortem“ ist als langer Nachfolger von „Seventh Circle“ (2018) erschienen, über Noot Moon Records und Bat Cave Productions, und markiert eine Rückkehr in ein raueres, ungefilterteres emotionales Terrain.
Alles hier trägt Ninos Handschrift, buchstäblich. Sämtliche Lyrics, Vocals und Instrumente stammen von ihm allein, produziert, gemischt und gemastert zwischen Oktober 2025 und März 2026 in seinem Essener Studio, mit FL Studio als einzigem Werkzeug. Einzige Ausnahme: Klarinette auf „We Are Only Human“ von Benno Schlicht, der dem Track eine zarte, fast kammermusikalische Dimension verleiht.
Das Ergebnis bewegt sich jenseits aller Genre-Schubladen. Kein Metal, kein Goth, keine Pose. Indie, Alternative Rock, Slowcore, Dream Pop. Gitarrengetrieben, melancholisch, ruhig kosmisch, weit entfernt von Metal oder Gothic-Ästhetik, und stattdessen verankert in etwas weit Zerbrechlicherem: emotionale Wahrheit ohne Rüstung.
„Dark Days“, der Opener, hallt in einer schwermütigen, frühen Bowie-Ästhetik, durchzogen von schneidenden Gitarren und ruhigen Streichern, während Nino Sable die Dunkelheit verscheucht, so metaphorisch wie tatsächlich.
„The Tower“ und „Runaways“ führen tiefer in den Abgrund, bevor „The Healer“ und „Emptiness“ das Album in einen Schwebezustand versetzen, irgendwo zwischen Erschöpfung und Akzeptanz.
„We Are Only Human“ ist das zärtlichste Stück, getragen von Benno Schlichts Klarinette, ein Moment der Stille inmitten des Sturms.
„Confessions“ und „I Just Wanna Be a Good Guy“ treffen mit einer Direktheit, die überrascht. Kein großes Pathos, nur ein Mensch, der etwas will, das eigentlich so einfach klingen sollte.
„Sunboat Ascension (LS ✝ 25)“ ist das Herzstück. Der Track beschäftigt sich mit Erinnerung, Wandel, Verlust, Rückkehr, und damit, was von einem Menschen, einem Gefühl oder einer Zeit übrig bleibt, wenn alles andere weitergezogen ist. Eine Widmung, ein Nachruf, ein Aufatmen. Melanculia
„In a Forest of Stars“ und „Falling into the Sun“ lösen die Schwere auf, kosmisch und träumerisch, als würde der Blick von innen nach außen wandern.
„For a Better Future“ und „Saboia“ tragen Portugiesisches im Namen und im Geist, die Sehnsucht nach dem Licht, das man hinter sich gelassen hat.
Den Abschluss bildet „Imago“. Der Begriff bezeichnet das letzte Stadium einer Metamorphose. Passender hätte dieser Schlusspunkt nicht sein können.
Fazit: „Post Mortem“ ist kein Comeback-Album im klassischen Sinne. Es ist kein Aufhorchen-Signal, kein strategischer Schritt. Es ist das Gegenteil davon. Nino Sable hat etwas gemacht, das er machen musste, mit allem, was er hat, ohne Netz, ohne Kalkül. Und genau das macht es so schwer, dieses Album wieder abzulegen.
Wertung: 9/10 🖤
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